Zeit der Hauskonzerte

Ob Salongespräche oder Wohnzimmerkonzerte – Es gab schon immer Zeiten, in denen Kultur in heimischen oder fremden Wohnzimmern stattgefunden hatte. In Zeiten von Corona erleben diese ein ungeahntes Revival – wenn auch im wahrsten Wortsinne aus der Not heraus. An diesem Sonntag etwa spielen Musiker*innen aus ganz Deutschland ab 18 Uhr an den Fenstern ihrer Wohnungen viel(st)stimmig Beethovens »Ode an die Freude«. Ein Hauskonzert der ganz besonderen Art; auch als Zeichen des Zusammenhalts in Europa. Doch weltweit nutzen derzeit unzählige Künstler und Künstlerinnen die eigenen vier Wände und kommen von dort per Streaming via Internet zu den Menschen, die sonst zu ihnen in die Theater, Konzerthallen oder Literaturhäuser kämen …

Ganz prominent ist dabei sicher die Seite der Musiker*innen des New Yorker Metropolitan Orchestra, deren Saison abgesagt wurde und dessen Mitglieder ab April kein Geld mehr erhalten. Auf ihrer Seite geben sie Kostproben ihres Könnens. Musikdirektor Yannick Nezet-Seguin präsentiert etwa gemeinsam mit seinem Partner ein Stück aus »Schubert’s Arpeggione Sonata«, Orchestermeister David Chan greift zur Violine und bringt ein Solo aus La Traviata von seinem in unzählige Wohnzimmer rund um den Globus. Was die großen Meister im Kleinen vormachen, gestalten viele derzeit arbeitslose Autor*innen oder Musiker*innen in allen möglichen Formen aus.

Für halbwegs technikaffine Newcomer*innen eröffnen sich sogar ungeahnte Möglichkeiten. Die Münchner Romandebütantin Jasmin Schreiber performt etwa ihr Erstlingswerk Mariannengraben derzeit als Autorinnenlesung von zu Hause und streamt die Lesungen direkt in heimische Wohnzimmer. Wem’s gefällt, kennt sicher eine Buchhandlung seines Vertrauens, um wenig später weiterzulesen.

Apropos Streaming. Bis vor einigen Tagen bewegten sich viele Künstler*innen damit übrigens praktisch mit einem Bein im Gefängnis, da man bzw. frau dafür eigentlich eine Rundfunklizenz benötigt. Doch diese Bestimmung haben die zuständigen Landesmedienanstalten derzeit kurzerhand ausgesetzt. Rein rechtlich wäre jetzt lediglich ein kleines Formular zur Anmeldung des Streams erforderlich.

 

Und auch die ersten Festivals wagen sich vorsichtig ins Netz. Das »Dok-Fest München« etwa, eines der renommiertesten Dokumentarfilm-Festivals, wird im Mai zum »Dok-Fest München@Home« – auf einer eigenen Plattform mit Tickets und Online-Voting für den Publikumspreis. Ob im Wohnzimmer das passende Film Feeling aufkommt, wird sich zeigen. Immerhin lassen sich so die Gelder und damit auch das Überleben von Künstler*innen und anderen Mitwirkenden sichern …

 

Seite http://www.metorchestramusicians.org/musicconnectsus